13. Oktober 2026
Einweihung Windpark Gütsch und Windpark Uri: Der «älteste» Urner sorgt für Rekorderträge
Am 26. September wurden auf dem Gütsch die Erweiterung des Windparks Gütsch sowie die beiden Windräder von Windpark Uri AG eingeweiht. Grund genug für einen Rückblick mit Markus Russi, Windenergiepionier, der von der ersten Anlage bis heute das Projekt geleitet hat. Die Fragen stellte Anita Niederhäusern, Medienverantwortliche von Suisse Eole.

Markus Russi: "Wir rechnen mit jährlich 9 bis 12 Millionen Kilowattstunden. Diese 30 %, die der Ertrag höher oder tiefer sein kann, sind alleine auf die Anzahl der Föhntage zurückzuführen."
Wie fühlt sich das an, wenn heute der Windpark Gütsch mit seinen beiden neuen Windrädern, eins davon eine repowerte Anlage, und die beiden Windräder von Windpark Uri AG eingeweiht werden? Was war die «Initialzündung» des Projekts?
Die Idee kam mir beim Windsurfen: Da fühlt man die Kraft des Windes im Segel. Ich dachte mir, diese Energie müssen wir nutzen! Ich war damals Geschäftsführer des EW Ursern und ich stellte mir vor, dass wir auf dem Gütsch aus Anlass unseres 100-Jahr-Jubliäums das erste Windrad im hochalpinen Raum bauen. Denn bereits bei seiner Gründung war das EW Ursern schon Pionier, als es das erste Wasserkraftwerk baute: Am 16. Februar 1902 fand eine ausserordentliche Versammlung der Talgemeinde statt, die entschied, dass in Hospental ein Wasserkraftwerk gebaut werden soll. Im August desselben Jahres war es in Betrieb.
Im selben Jahr?!
Genau! Dabei gibt es zu bedenken, dass ein Wasserkraftwerk immer ein Unikat ist, abhängig von der Fallhöhe , dem Wasserangebot u.a.mUnd das Wasserkraftwerk produziert noch Strom?1977 wurde es erneuert, aber es produziert immer noch Strom.
Aber du hast ja zu Beginn der 2000er-Jahre nicht vorgeschlagen, ein neues Wasserkraftwerk zu bauen, sondern so etwas aussergewöhnliches wie ein Windrad …
Um ganz ehrlich zu sein: Ich war nicht ganz allein, denn Robert Horbaty – auch er ist ein Pionier und war der erste Geschäftsführer von Suisse Eole – hat für Energie2000 mögliche Standorte für die Windenergienutzung eruiert. Dabei kam das Urserntal aufs Tapet. Er dachte eher an den Oberalp- und den Furkapass. Wir brachten dann den Gütsch als Standort ein, weil dort bereits seit über 50 Jahren die Meteodaten erfasst wurden, es gab Wind und der Standort war gut erschlossen. Aus diesem Grund haben wir dann dort zu unserem 100-Jahr-Jubiläum ein Windrad gebaut.
Die erste Anlage, die ihr gebaut habt, funktionierte dann nicht ganz so wie angedacht, wenn ich mich richtig erinnere …?
Du erinnerst dich daran, ich hätte es ausgelassen! Tatsächlich verursachte mir dieses Windrad schlaflose Nächte, weil es nicht so funktionierte, wie es sollte. Wir hatten das Projekt eines Windrads auf dem Gütsch und da kam ABB auf uns zu, weil sie damals in die Branche einsteigen wollten. Sie hatten ein Produkt eines holländischen Anlagebauers, dass sie bei uns als Referenzobjekt bauen wollten.
Da ich ja vor meiner Zeit beim EW Ursern bei dieser Firma, noch unter dem Namen Brown Boveri, gearbeitet hatte, hatte ich Vertrauen, denn ich wusste, dass sie sehr gute Arbeit machten. Aber dem war dieses Mal nicht so. Heute würde man sagen, dass es ein Fake war! Die Anlage hat nicht funktioniert und musste im zweiten Winter ganz abgestellt werden, weil die Flügel kaputt gingen.
Also lief sie eine gewisse Zeit?
Ja, sie lief, aber nie unter Volllast, weil der Umformer immer wieder ausgestiegen ist und die Anlage stoppte. Und als dann die Flügel kaputt gingen, haben wir die Übung definitiv abgebrochen. Erfreulicherweise einigten sich das EW Ursern und die ABB auf eine Vereinbarung, die für beide Seiten tragbar war: ABB baute das Windrad zurück und zahlte uns einen Betrag von rund einer Million Franken zurückzahlen. Zum Glück, sonst hätten wir beim EW Ursern wohl das Projekt ganz eingestellt.
War denn die Anlage von ABB erste Wahl?
Nein, wir hatten von Anfang der Projektidee an Kontakt zu Enercon. Doch das Unternehmen sagte, die Schweiz sei für sie kein Windenergieland, sprich sie hatten keine Servicestelle in der Nähe, weil sie in der Schweiz keine Anlagen hatten. Daher erhielten wir von Enercon für die erste Anlage auch keine Offerte.
Und nachdem das erste Windrad zurückgebaut werden musste, änderte Enercon seine Meinung?
Richtig, ich habe die Sache noch einmal in die Hand genommen und habe noch einmal bei Enercon angeklopft. Vermutlich hatten sie auch etwas Bedauern mit uns. Aber ich denke, dass es auch eine Herausforderung für das Unternehmen war, zu zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, auf dem Gütsch Windstrom zu produzieren, auch wenn es andere nicht geschafft hatten.
Also hat das EW Ursern eine Offerte von Enercon erhalten?
Genau, 2004 haben sie uns ihr erstes Windrad in die Schweiz geliefert. Natürlich hatte ich wieder etwas schlaflose Nächte, aber wir haben die Anlage Ende Oktober in Betrieb genommen. Obwohl uns alle sagten, wir würden spinnen, auf 2400 Meter über Meer um diese Jahreszeit, in der es auch schneien kann, so etwas zu wagen.
Und wie lief es?
Es handelte sich um einen Spezialtransport der Maschinenteile der nachts stattfand. Beim Umladen von der Passstrasse auf den Bauplatz habe ich in den Himmel geschaut und eine Sternschnuppe gesehen. Da kamen mir die Tränen und ich habe gesagt: Diesmal wird es klappen! Und so war es: Als wir die Anlage in Betrieb nahmen, blies der Wind mit bis gegen 190 Kilometern pro Stunde. Ich habe meinen Augen nicht getraut, aber es hat von Anfang an funktioniert!
Ich kam dann nach Andermatt, um einen Bericht über die Anlage zu schreiben. Dann durfte ich sogar auf die Anlage rauf – seither bin ich übrigens mit dem «Windenergievirus» infiziert. Bei euch zuhause hast du dann noch oben geschaut und hast mir gesagt: «Schau, sie ist so alleine, das ist nicht gut für sie!»
Das haben auch die Umweltschutzverbände gesagt, von Anfang an, denn wir haben sie sehr früh ins Boot geholt. Sie sagten, dass sie es bevorzugten, wenn mehrere Anlagen an einem Ort konzentriert würden. Darum konnten wir dann 2010 noch zwei und 2012 ein vierte Windenergieanlage aufstellen. Die stehen noch heute da oben und funktionieren einwandfrei.
Wie viel Leistung haben die?
Die Anlage, die wir repowert haben, hatte 600 kW Leistung. Die drei bestehenden haben je 900 kW Leistung. Sie weisen eine Turmhöhe von 55 m und einen Rotordurchmesser von 44 m auf. Nun gesellen sich zu den drei 900-kW-Anlagen zwei mit je 2.3 MW Leistung. Es sind Enercon E-70 / E4 mit einem Rotordurchmesser von 71 m und 54 m hohen Türmen.
Als ich anfangs 2022 in Penson ging, durfte ich das Projekt mit in den vorzeitigen Ruhestand mitnehmen und nur in zwei Jahren hatten wir eine rechtskräftige Baubewilligung. Aber auch hier haben wir die Umweltverbände – u. a. Pro Natura, Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Pro Bartgeier – mit ins Boot geholt, alle waren dabei und wir haben gute Ersatzmassnahmen umgesetzt. Mittlerweile wurden im Furkagebiet 6 Kilometer Freileitung in den Boden verlegt. Sogar Herr Rodewald, der ehemalige Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, fand die Massnahme beispielhaft. Die Vogelwarte Sempach Schweiz hatte im Vorfeld bei uns auf dem Gelände einen Birdradar aufgestellt, damit wussten wir genau, welche Vögel hier vorbeiziehen. Das war alles Vorarbeit, die wir geleistet haben, um das Projekt voranzutreiben. Darum ging alles so rasch.
Und die Bauzeit?
Die betrug sechs Monate.
Auf 2400 Meter über Meer! Da hat der Klimawandel auch noch etwas mitgeholfen …
Stimmt: Wir konnten Mitte Mai 2025 anfangen. Christoph Steinmann, der Bauleiter der Firma Toneatti AG, hat oben einen Baucontainer aufgestellt und dort unter der Woche übernachtet, so dass er jeweils arbeiten konnte, bis es finster wurde. Im Oktober waren wir fertig. Mit solcher Unterstützung ist es möglich, ein Projekt von vier neuen Windenergieanlagen in sechs Monaten abzuschliessen.
Bauen ist vergleichbar einfach, wir hätten in dieser Zeit auch sechs Windräder aufstellen können. Die Herausforderung ist und bleibt das Bewilligungsverfahren.
Mit der alten Aufstellung, den 3 Anlagen mit je 900 kW und der mit 600 kW Leistung habt ihr jährlich rund 4-6 Millionen Kilowattstunden Strom geerntet …
Im schlechtesten Jahr waren es 4.2 Millionen Kilowattstunden, im besten 6.1 Millionen Kilowattstunden.
Und was erwartet ihr jetzt?
Wir rechnen mit jährlich 9 bis 12 Millionen Kilowattstunden. Diese 30 %, die der Ertrag höher oder tiefer sein kann, sind alleine auf die Anzahl der Föhntage zurückzuführen. 2019 war das beste Jahr, 2020 das schlechteste: Mit Meteotest haben wir herausgefunden, dass es 2020 zehn Föhntage weniger hatte als im Rekordjahr 2019. Auf dem Gütsch ist der Föhn der ertragreichste Wind. Wenn er weht, haben wir in der Regel über 50 Kilometer pro Stunde, so dass die Anlagen unter Volllast laufen. Daher haben wir den Föhn hier gerne, wir nennen ihn ja auch den «ältesten Urner».
9 bis 12 Millionen Kilowattstunden Windstrom und wie viel Wasserstrom wird im EW Ursern produziert?
Das sind insgesamt vier Wasserkraftwerke, die jährlich im Mittel rund 32 Millionen Kilowattstunden produzieren, wovon 14 Millionen noch in der KEV sind. Also macht der Windstrom sicher 25 % der gesamten Stromproduktion des EW Ursern aus.
Wie lange sind die drei älteren Windräder noch in der KEV?
Bis 2030, beziehungsweise 2032.
Was machst du nun als nächstes? Du hast das Projekt des Ausbaus ja bereits in die Pensionierung mitgenommen.
Jetzt wollen wir das Leben noch ein bisschen mehr geniessen und das, was man zur Seite gelegt hat, auch brauchen, sich etwas gönnen!
Von der Energie lässt du die Finger?
Nicht ganz, denn ich bin noch Vize-Präsident des Verwaltungsrats des EW Ursern und wir haben gerade eine Studie machen lassen, welche Ressourcen wir hier noch nutzen können. Die müssen wir jetzt auch noch auswerten: Beim Wind gibt es noch Potenzial, auch im Bereich Photovoltaik auf bestehenden Lawinenverbauungen. Das müssen wir testen, denn wenn wir diese als Ständer nutzen können, entfallen bereits 80 % der Kosten .
Interview: Anita Niederhäusern für Suisse Eole